Rezension: Ein Brief an Niall Williams – Die Geschichte des Regens

Sehr geehrte Herr Williams,

Sprachlosigkeit ist der Zustand der mich beherrscht, wenn ich versuchen sollte, Zeilen zu ihrem Roman „Die Geschichte des Regens“ zu verfassen. Zu reflektieren und gerade zu sagen, was ich von ihrem Werk halte. Es ist nicht möglich, es schnürt mir die Kehle zu und nimmt mir langsam und qualvoll die Luft zu atmen. Die Wasseroberfläche ist zum Greifen nahe, doch immer wieder, wenn ich meinen Arm nach vorne hinaus strecke,  greife ich ins nichts. Jegliche Adjektive, Floskeln und Formulierungen werden ihrem Roman nicht gerecht, Herr Williams. Es tut mir Leid und im Herzen weh.

„Selbst die Luft ringsum ist anders, und was immer undenkbar schien: dass er nicht mehr auf Reisen gehen, nicht mehr versuchen würde, woanders eine bessere Welt zu finden, ist plötzlich nicht nur denkbar, sondern unvermeidlich, und hier fängt es an, im Gesicht dieser Frau.“ (S. 234)

Wir sind uns einig, am Erzähl – und Schreibstil gibt es nichts zu kritisieren. Diese Poesie, diese Leichtigkeit bei so einer schwerwiegenden Atmosphäre. Im Zimmer der Ruth Swain, die sterbenskrank ist und dennoch mit so einer positiven Ausstrahlung durchs Leben schreitet. Doch dazu später mehr. Ihre Worte, Herr Williams, fließen nur so dahin wie die Wassertropfen des Fluss Shannon durch Irland, durch Faha, dem Schauspielort dieses bezaubernden Werkes. Sie lassen Figuren und Vergangenheiten auferstehen und vor unserem Auge Gestalt annehmen, lassen sie verweilen und wenn es an der Zeit ist, auch wieder verschwinden. Hinterlassen mit einer leicht melancholischen Stimmung sitzen wir neben Ruth auf ihrem Bett und lauschen gespannt. Erwarten sehnsüchtig die nächste Anekdote. Wer hier Aufregung, Abenteuer und Spannung erwartet, wird enttäuscht. Es gibt keine großen Eregnisse, Höhepunkt oder Wendungen, die Geschichte plätschert hinfort, wie der Fluss vor dem Haus. Dies ist kein negativer Ausdruck, verstehen sie mich nicht falsch. Sie haben einen guten Job geleistet, Herr Williams.

 „Ich mag es, wie Bücher sich anfühlen. Ich liebe das Gefühl, den Geruch, das Geräusch der Seiten. Ich genieße es, sie anzufassen. Ein Buch ist etwas Sinnliches. Man rollt sich damit im Sessel zusammen oder nimmt es, so wie ich, mit ins Bett, und das ist, nun ja … erfüllend. Ich weiß schon. Ich bin seltsam.“ (S. 79)

Ruth, oh Ruth. Du starke und vor Lebenslust strotzende Frau. Auch wenn du an dein Bett gefesselt bist, widersetzt du dich deiner Krankheit und strahlst nur immerzu. Erzählst uns von deiner Familie, deiner Umgebung, Irland, der Welt und Faha. Nur wenig erfahren wir über dich, aber das ist nicht schlimm, ich kenne dich. Umgeben von zahlreichen Büchern, der ehrlichen Literatur, lehrst du mir das Leben, zeigst worauf es ankommt. Du bist direkt und nimmst kein Blatt vor den Mund, so gefällst du mir. Du zerbrichst nicht an dem was Gott dir aufgebürden hat und dafür bewundere ich dich. Du kannst nicht anders, als du selbst zu sein. Ich freue mich, dass ich dich kennenlernen durfte.

 „Sie wartet und leidet, und er wartet und leidet, so wie zwei Figuren in einem Kapitel, das im spannendsten Augenblick mit einem Cliffhanger endet.“ (S. 223)

Liebster Herr Williams, es war mir eine Ehre ihr Werk „Die Geschichte des Regens“ lesen und darin abtauchen zu dürfen, ich habe keine einzelne Sekunde bereut. Ich habe tief unten im Meer einen wahren Schatz gefunden und bedanke mich für diese einzigartige Möglichkeit, die mein Leben nachhaltig beeinflusst hat.

Mit allerherzlichsten Grüßen,

Giv.

Die Geschichte des Regens
Titel: Die Geschichte des Regens | Autor: Niall Williams | Verlag: DVA | Format: Hardback | Seitenanzahl: 414 | Preis: 22,99 | ISBN: 978-3-421-04687-1

2 thoughts on “Rezension: Ein Brief an Niall Williams – Die Geschichte des Regens

    1. Hallo 🙂
      Vielen lieben Dank für dein positives Feedback, es freut mich, dass die Besprechung dir gefallen hat.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      wünscht dir Giv. ♥

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