Im Gespräch mit Carola Wolff

In der letzten Woche durfte ich mich mit dem Roman „Ein Mann zum Mitnehmen“ von Carola Wolff beschäftigen. Aber nicht nur den „Mann“, sondern auch die „Carola“ gibt es heute zum Mitnehmen – und das mit einem Interview, das einen Blick hinter die Autorin erlaubt.


Inhaltsangabe

Vorab, worum geht es in „Ein Mann zum Mitnehmen“?

„Wer setzt denn nur einen attraktiven, schweigsamen Mann aus? Noch dazu einen, der barfuß ist? Franziska Engel, Whiskyladen-Inhaberin wider Willen, findet ihn im herbstlichen Schlosspark und kann nicht widerstehen. Sie hat ein Herz für Streuner, und Geschöpfe in Not ziehen sie magisch an. Ob zwei- oder vierbeinig, Franzi nimmt alle mit, bekocht sie und päppelt wieder auf, nur um dann postwendend verlassen zu werden. Eigentlich hatte Franzi sich vorgenommen, endlich eine taffe, erfolgreiche Frau zu werden, die ihr Leben im Griff hat. Sie wollte sich auf so etwas nicht mehr einlassen. Doch der schweigsame Gentleman hat es ihr angetan. Franzis bester Freund und Wohnungsgenosse, der Transvestit Viktor, ist von dem Neuzugang wenig begeistert. Hund Popcorn und Kater John Wayne mögen den stillen Fremden jedoch sofort. Dann taucht der Musiker Steve, Franzis alte Flamme, wieder auf. Er will unbedingt das Feuer neu entfachen. Zu allem Überfluss steht auch noch Franzis Whisky-Laden Wee Drum kurz vor der Pleite. Halt findet Franzi ganz unverhofft bei ihrem schweigsamen Gentleman und Liebe noch dazu. Doch der Mann aus dem Park hat ein dunkles Geheimnis, bei dem Whisky und Sex nur bedingt helfen können. Als er endlich sein Schweigen bricht, bricht er auch Franzis Herz. Franzi muss erkennen, wer sie ist und was sie wirklich will. Dabei helfen ihr Bauchtanz, ein flüsterndes schwarzes Kleid und selbstgebackener Whiskykuchen.“


Interview

Hallo Giverney,  erst mal vielen Dank, dass du mir die Gelegenheit gibst, mich über das auszulassen, was ich am liebsten tue: schreiben. Bremse mich einfach, wenn ich anfange, allzu ausführlich zu werden. Zu dem Thema könnte ich stundenlang … Aber fangen wir lieber an. Und bitte: kein Sie, da komme ich mir so alt vor.

Auch ich freue mich riesig über diese Gelegenheit! Ausnahmsweise lasse ich das „Sie“ mal unter dem Teppich gekehrt, auch wenn es mir schwer fällt. Also erzähle mir bitte ein wenig von dir, Carola. Wo bist du aufgewachsen, was hast du studiert und so weiter.

Berlinerin, hier geboren und aufgewachsen. Und ich will hier auch nicht weg. Großartige Stadt, laut schmutzig, echt. Nach dem Abi rumstudiert, Germanistik war furchtbar, hat mir beinahe die Freude an der Literatur verdorben. Und im Unialltag habe ich mich total verlaufen. Studium abgebrochen, stattdessen einen Buchhändlerlehre gemacht. Schon besser. Endlich an der Quelle, endlich mit Menschen zu tun, die ebenso lesebegeistert waren wie ich. Lange in verschiedenen Buchhandlungen gearbeitet, nebenbei ein Fernstudium gemacht. Open University: englische Literatur (ich bin ein echter England Nerd, liebe Sprache, Land und Leute, sogar die Küche aber vor allem die Literatur). Aus gesundheitlichen Gründen musste ich dann leider das Buchhändlern aufgeben. Aber am Schreiben hat mich nichts gehindert …

Beschreibe dich selbst mit einigen Worten.

Papierzerknüllerin, Wortsucherin, Synonymwörterbuchweitwerferin. Lebenshungrig. Schreibverrückt.

Ausgezeichnete Wahl an Neologismen, da freut sich mein Germanistenherz. Die Literatur begleitet dich also schon ziemlich lange, wolltest du schon immer Bücher schreiben?

Zuallererst wollte ich lesen. Immer und überall. Pixi Bücher. Hanni und Nanni. Pippi Langstrumpf. Damit fing es an. Dann bekam ich einen Leseausweis für die Bibliothek und von da an war kein Halten mehr. Kleine Geschichten habe ich mir allerdings immer schon ausgedacht. Das Kind hat eine rege Fantasie, sagten die Erwachsenen. Die lügt ja, sagten manche meiner Schulfreunde. Ich hab die Aufregung gar nicht verstanden. Meine Geschichten waren so viel spannender als alles andere!

Dann ist also anzunehmen, dass du in der Schule auch gut in dem Fach Deutsch warst?

Ja. Ich mochte das Lesen. Das Analysieren von Texten eher weniger. Und so manches wurde einfach totgeredet.

Da kann ich dir nur zustimmen: Meistens fragte ich mich, ob das, was da vom Lehrer so frei interpretiert wurde, überhaupt vom Autor oder Dichter so gewollt war. Herausgefunden habe ich das leider nie (lacht). Stellt deine Leidenschaft auch dein Hobby dar? Liest du in deiner Freizeit auch sehr gerne oder ist das dann doch zu viel des Guten?

Lesen ist für mich so unabdingbar wie atmen. Na gut, wenn ich nicht lese, sterbe ich nicht. Wenigstens nicht gleich. Aber etwas in mir drin, das stirbt dann schon ein wenig. Weil es nicht gefüttert wird mit Träumen, Ideen, mit denkwürdigen Begebenheiten und merkwürdigen Figuren. Übrigens: manchmal schreibe ich auch auf Goodreads oder LovelyBooks über meine Leseabenteuer. Und mal abgesehen davon: wenn ein Autor nicht gerne liest, warum schreibt er/sie dann Bücher?

Stimmt, aber manche möchten sich mit ihrer Leidenschaft nicht überschütten und sich dadurch selbst belasten. Eine Art Ausgleich ist notwendig, wenn das Schreiben und Lesen in diesem Falle, droht die Überhand zu gewinnen und den Leser/Autor zu ersticken. Gehst du deinem Autorsein nur nebenbei nach oder machst du es hauptberuflich? 

Meine Erkrankung hat mir eine kleine Rente beschert und jetzt bin ich in der glücklichen Lage, mich ganztägig meinem Schreiben widmen zu können. Oder durch Berlin zu stromern und Eindrücke zu sammeln. Manchmal entstehen dann die ersten Ideen …

Wie bist du dazu gekommen, Autorin zu werden/zu sein? Wie hat alles angefangen? 

Im Herbst 2009 wurde bei mir eine bipolare affektive Störung diagnostiziert. Das ist eine manisch
depressive Erkrankung, in der von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt alles drin ist. Ungefähr so wie eine Achterbahnfahrt, nur das dich jemand in deinem Sitz festgeschnallt hat und nicht mehr aussteigen lässt. Dank Therapie, Medikamenten und vor allem wunderbaren Freunden habe ich das mittlerweile gut im Griff. Was mich aber hauptsächlich gerettet hat war meine Entdeckung, dass es unglaublich viele kreative Menschen gibt, die mit denselben Dämonen kämpfen/gekämpft haben. Ich befand mich sozusagen in guter Gesellschaft. In „Mein erster Selbstmord“ habe ich teilweise eigene Erfahrungen verarbeitet aber vor allem, ich habe das Schreiben für mich entdeckt. Mich sozusagen freigeschrieben.

Zum Glück, sonst hätten wir deine herrlich schönen Romane niemals zu Gesicht bekommen! Dennoch läuft nicht immer alles einwandfrei und es gibt Herausforderungen, die man überwinden muss. Was ist deine größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Aus dem Chaos in meinem Kopf eine zusammenhängende Geschichte zu machen. Da tummeln sich so viele merkwürdige Gestalten, da wollen so viele Geschichten erzählt werden, dass ich oftmals gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Meistens entscheiden das die Figuren für mich. Die, die mich am meisten beschäftigen, die müssen dann auch aufs Papier.

Und was inspiriert dich und motiviert dich dann zum Schreiben? Gerade an so einem Tiefpunkt?

Die Figuren in meinem Kopf, die unbedingt aufs Papier wollen. Und zwar presto! (sie können echte Tyrannen sein). Im Moment geistert der fliegende Holländer dort herum. Er ist nämlich immer noch auf den Weltmeeren unterwegs (und er macht sich nichts aus Wagner). Aber nun hat er Freunde (einen Wassermann und eine Nixe), und die haben ihn in einer Single Börse im Internet angemeldet, damit er endlich die passende Frau findet…

Klingt spannend, ich freue mich schon auf den „fliegenden Holländer“ und die wahrscheinlich sehr lustigen Verkuppelungsversuche. Hast du eine bestimmte “Technik” mit der du arbeitest, um deine Geschichten zu schreiben bzw. zu entwickeln oder schreibst du einfach wild darauf los? 

Brainstorming hilft mir zu Beginn sehr, aber auch, wenn ich mittendrin mal stecken bleiben sollte. Einfach einen Begriff/eine Idee einen Satz auf ein Blatt Papier schreiben und dann wild drauflos assoziieren. Ansonsten: Tee und Schokolade. Oder auch mal ein Glas Rotwein ( aber nicht mehr als eines, sonst ist die Konzentration im Eimer).

Lieber ein Glas Rotwein als ein wee drum Whisky, den Franziska Engel kennen und lieben gelernt hat? Das verwundert mich jetzt doch ein wenig. Apropos, beschreibe dein Buch „Ein Mann zum Mitnehmen“ mit drei Worten.

Warmherzig, wonnig, whiskylastig.

Wie bist du auf die Idee für die Geschichte „Ein Mann zum Mitnehmen“ gekommen?

Der Schlosspark Charlottenburg in Berlin ist ein wunderbarer Ort für romantische Herbstspaziergänge. Kleine, verschlungene Pfade, marmornen Faune auf verwitterten Podesten, Blätter, die auf dem Wasser schwimmen. Meinen Mann zum Mitnehmen habe ich dort auf einer Parkbank sitzen sehen. Gutgekleidet, gutaussehend, mit leicht melancholischem Blick. Und dann, vielleicht war es das Licht, das Spiel der Schatten, dachte ich plötzlich, er würde keine Schuhe tragen. Tat er natürlich (sehr schicke sogar). Aber, dachte ich, was wäre, wenn … was wäre, wenn er keine Schuhe anhätte? Dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen (und sein leicht melancholischer Blick auch nicht, der irgendwie sehr sexy war).

Von dieser Anfangsidee konntest du mich auf jeden Fall anstecken. Was hältst du selber von deinem Buch? Ist alles genauso, wie du dir das vorgestellt hast oder ist die Geschichte doch ganz anders ausgegangen?

Ich habe von Anfang an gewusst, dass es ein Happy End geben wird. Auf dem Weg dorthin passierten jedoch einige unvorhergesehene Dinge, und mehr als einmal hing dann doch noch alles in der Schwebe. Aber gerade das macht das Schreiben ja so spannend!

Für mich war das Buch eine kleine Achterbahnfahrt der Gefühle und wahrscheinlich wäre ich enttäuscht gewesen, wenn es kein Happy End gegeben hätte (schmunzelt). Bist du mit deinem Buch zufrieden?

Nach der dritten, vierten Überarbeitung, nach den Probeleserkommentaren, nach Lektorat und Korrektorat … ja.

Klingt nach viel Arbeit. Gehst du kritisch mit dir selbst um und reagierst perfektionistisch auf die Ausarbeitung deines Buches?

Perfektionismus killt meine Muse. Ich versuche, die strenge Stimme in meinem Kopf in Zaum zu halten. Vor allem beim Schreiben der ersten Fassung.

Nun nochmal zurück zu dem Werk um das es hier geht. Was hat dich bei deinem Roman „Ein Mann zum Mitnehmen“ inspiriert? 

Musik. Ich setzte auch zum Schreiben gerne mal Kopfhörer auf und tauche dann so richtig ab. Franzi mag Rockmusik, vor allem in der Küche. Und Viktor, ihr schräger Wohnungsgenosse hat was übrig für alte deutsche Schlager. Ich habe dann durchaus schon mal Peter Alexander trällernd (Hier ist ein Mensch, der will zu dir …) meinen Abwasch gemacht. Und weil es unter anderem darum geht, mal in die Schuhe eines anderen zu schlüpfen, hatte ich auch dieses Lied oft im Kopf: Walk a mile in my shoes. Original von Elvis Presley, aber die Coldcut Version ist auch klasse.

Würdest du jemals einen Mann einfach so mitnehmen? 

Nein. In diesem Punkt ist meine Heldin Franzi mutiger als ich.

Eine ziemlich coole Aktion, die ich mich wahrscheinlich auch nicht getraut hätte. Da gehört schon eine Menge Selbstbewusstsein dazu. Aber so mal unter uns, glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?

Ja. Immer wieder.

Hast du deine große Liebe schon getroffen? Wenn ja, seid ihr noch immer zusammen? 

Ich glaube, den EINEN gibt es nicht. Wenn man mit dieser Vorstellung im Kopf rumläuft, macht man sich alles kaputt. Geht nicht mehr unbelastet und erwartungsfrei auf Menschen zu. Ist nicht mehr offen, neugierig und bereit für die wunderbaren Überraschungen, die das Leben so bieten kann.

Auf was beruhst du dich? Schicksal oder Zufall?

Mmh. Gibt es das überhaupt, Zufall? Ziehen wir die Dinge an, die uns passieren? Oder passieren sie eben einfach? Das sind so die spannenden Fragen, die ich z.B. gerne in meinen Geschichten erkunde.

Hast du einen bestimmten Männergeschmack oder ist es dir wichtig, dass er dich überzeugt?

In der Rahmenhandlung der erotischen Kurzgeschichtensammlung Ladies Night (die ich zusammen mit Schreibkollegin und bester Freundin Bettina Kerwien herausgebracht habe) schließt eine Autorin mit Schreibblockade einen Pakt mit einem (sehr attraktiven) Teufel: „Die Autorin hegte nun mal eine Vorliebe für große, schlanke, breitschultrige Kerle mit dunklen Haaren, noch dunkleren Augen und gepflegtem Dreitagebart. Kerle, die eine Aura des gefährlichen umwehte. Böse Jungs. Piraten, Cowboys, Revolverhelden. Ganze Männer. So wie dieser hier. Ihr ganz persönlicher böser Junge, umgeben von Rauch, Pech und Schwefel. Er roch geradezu nach Ärger. Und das war ein Duft, der sie innen drin ganz kribbelig und zugleich butterweich werden ließ. Ein Duft, der ihre sämtlichen Alarmanlagen zum Aufjaulen brachte.“ Ich gestehe, da steckt auch ein wenig von mir drin.

Sehr verrucht, Carola. Was ist dein Geheimnis für eine harmonische und gut funktionierende Beziehung? 

Rücksichtnahme. Toleranz. Respekt. Den anderen so sein lassen, wie er ist. Ohne ihn erziehen zu wollen. Unglaublich schwierig und doch so lohnend, wenn es klappt.

Was ist dir in einer Beziehung extrem wichtig?

Die Kunst des Zuhörens. Und des miteinander Reden könnens.

Die Liebe ist eine ganz eigene Wissenschaft für sich, aber dein Buch „Ein Mann zum Mitnehmen“ hat nicht nur gezeigt was in der Beziehung zu anderen Menschen stimmen muss, sondern dass man auch lernen muss, in allererster Linie sich selbst zu lieben. Vielen lieben Dank Carola, für dieses äußerst spannende Interview mit vielen privaten Einblicken und vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Vielen Dank, liebe Giverney, für diese spannenden Fragen! Und wer Lust hat, mehr zu lesen, oder auf dem laufenden bleiben will, z.B. was den fliegenden Holländer anbelangt, der kann mich gerne auf meiner Webseite besuchen: www.carolawolff.de. Ich bin übrigens auch auf Twitter und Facebook zu finden.

Wer nun neugierig geworden ist und mehr zu „Ein Mann zum Mitnehmen“ erfahren möchtet, wird morgen auf A handful of literature fündig werden.

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