Interview: Im Gespräch mit Anne Freytag

Wer ist Anne Freytag?

Anne Freytag - Studio Tasca
©Michael Tasca

„Anne Freytag studierte International Management und arbeitete in verschiedenen Werbeagenturen, bevor sie den Sprung ins kalte Wasser wagte und Autorin wurde. Neben der Erwachsenen- und Jugendliteratur schreibt Freytag auch Liebesromane und Liebeskomödien, die in den USA spielen und die sie unter ihrem Pseudonym Ally Taylor veröffentlicht.

Freytags Romane erscheinen unter anderem bei Random House im Heyne Verlag, die von Ally Taylor bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur.“ (Quelle)

Anne findet ihr zudem auf folgenden Social Media Kanälen: Auf ihrem Blog „Freytag & Taylor“, dem Youtubekanal „Jeden Freytag und Popescu“, Facebook, Instagram und Twitter.


Ihr Roman „Mein bester letzter Sommer“

„Tessa hat immer gewartet – auf den perfekten Moment, den perfekten Jungen, den perfekten Kuss. Weil sie dachte, dass sie noch Zeit hat. Doch dann erfährt das 17-jährige Mädchen, dass es bald sterben muss. Tessa ist fassungslos, wütend, verzweifelt – bis sie Oskar trifft. Einen Jungen, der hinter ihre Fassade zu blicken vermag, der keine Angst vor ihrem Geheimnis hat, der ihr immer zur Seite steht. Er überrascht sie mit einem großartigen Plan. Und schafft es so, Tessa einen perfekten Sommer zu schenken. Einen Sommer, in dem Zeit keine Rolle spielt und Gefühle alles sind …“


Das Interview

Erzähl mir von dir, liebste Anne. Alles was dir als wichtig erscheint, was dich ausmacht und was du bisher erlebt hast, ist hier gut aufgehoben.

Puh, das ist ganz schön schwierig. Das wichtigste in meinem Leben, sind mir die Menschen, die ich liebe, das Entdecken, gutes Essen, Genuss, Musik, Geschichten, das Neue, das Alte. Ich war nach dem Studium ganz weit unten und jetzt ist es so, als würde ich fliegen. Vielleicht, weil ich weiß, wie sich das Gegenteil anfühlt. Ich liebe Hörbücher, Filme, Serien und Schlafen. Ich liebe, dass ich in meiner Fantasie unendlich viele Leben führen und Leser in meine Gedankenwelt entführen kann. Ich liebe das Reisen. Mit genug geistiger Beweglichkeit gibt es keine Grenzen. Das kostbarste, was es gibt, ist tatsächlich der Moment. Zeit. Und Menschen. Und Zeit mit Menschen. Und Mitmenschen.

Beschreibe dich selbst mit wenigen Worten.

Ich bin loyal und verträumt. Und eine seltsame Mischung aus hoffnungslos romantisch und extrem realistisch – es ist also manchmal gar nicht so einfach, Ich zu sein. In drei Worten: lebenslustig, widersprüchlich, neugierig.

Gibt es etwas, was du in deinem Leben bereust gemacht zu haben und ändern würdest, wenn du die Zeit zurückdrehen könntest?

Nein. Sogar die saudummen Dinge waren für etwas gut.

Gehst du kritisch mit dir selbst um?

Extrem, ja. Aber ich denke, das ist gut so. Denn es macht einen besser und schubst einen Stück für Stück seinem Potenzial entgegen. Im Gegenzug muss man sich jedoch bei aller Kritik auch loben, weil alles mindestens zwei Seiten haben muss.

Dein absolutes Lieblingsbuch? Welches und warum?

Ich habe weder nur ein Lieblingsbuch, noch nur einen Lieblingsautor, aber das erste Buch, das ich geliebt habe – und damit meine ich so richtig geliebt – war „The Catcher in the Rye“ von J.D. Salinger. Wir haben es im Englisch LK gelesen und Ich habe mich auf der ersten Seite in Holden und seine „Stimme“ verliebt. Er war so echt. Und das hat mich umgehauen.

Dein Lieblingsgedicht?

Auch hier gibt es nicht nur eines, dafür das erste, das mich nicht mehr losgelassen hat: ‚Kriegslied’ von Matthias Claudius. Wir mussten es in der neunten Klasse auswendig lernen und ich kann es bis heute aufsagen. Es passt leider auch in vielerlei Hinsicht auch in die jetzige Zeit.

Warst du in der Schule gut in Deutsch?

Kam auf den Lehrer an. Die einen hielten mich für begnadet, die anderen für total talentfrei. Die Qualität von Texten ist etwas sehr Subjektives – und das ist ein Segen und ein Fluch.

Was bedeutet das Schreiben für dich?

Absolute Freiheit und Kraftakt zugleich. Das Schreiben öffnet mir Türen zu unbekannten Welten, lässt mich in fremde Köpfe blicken, das Leben durch andere Augen sehen, mitfühlen, eintauchen. Ich kann mir mein Leben ohne Geschichten nicht vorstellen. Aber manchmal bin ich auch kurz davor zu verzweifeln. Schreiben und ich, das ist eine Hass-Liebe, die zu 85% aus brennender, glühender, niemals endender Liebe  und 15% Wutausbrüchen besteht.

Was ist deine größte Schwierigkeit beim Schreiben?

Bei der Sache zu bleiben und meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, ohne mich zu überfordern. Und die Schreibphasen zu überstehen, in denen es sich anfühlt, als würde ich durch Sirup schwimmen. Sie kommen bei jedem Buch. Man weiß nur nicht wann.

Hast du eine bestimmte Technik mit der du arbeitest und deine Geschichten entwickelst?

Jein. Erst kommt die Idee. Meistens dann, wenn sie einem gerade nicht gut passt. Dann beschäftigt man sich mir ihr, obwohl man etwas anderes tun sollte und nach und nach wird aus einem roten Faden ein Strang. Wenn die Charaktere zu leben beginnen, bekommen sie eine Playlist. Manchmal umfasst sie nur zwanzig Titel, manchmal zweihundert. Dann sammle ich Bilder – von Wohnungen und Häusern, Gesichtern, … kurz: allem, was die Geschichte verdichtet. Wenn es viele Figuren gibt, fülle ich für jeden eine Art Steckbrief aus, damit ich den Überblick nicht verliere. Und dann nehme ich Anlauf, stürze mich kopfüber in die Tiefe und hoffe, dass unten etwas Gutes auf mich wartet.

Dein Roman „Mein bester letzter Sommer“ ist dieses Jahr veröffentlicht worden und auf einen Schlag sehr erfolgreich geworden. Beschreibe dein Werk mit drei Worten.

Liebe endet nicht.

Was hat dich zu der Handlung von „Mein bester letzter Sommer“ inspiriert?

Angefangen hat alles mit einem Satz. Im REWE. Vor knapp fünf Jahren. Ich stand an der Kühltheke und dachte: „Ich suche einen Freund zum Sterben“. Der Satz ging nicht mehr weg. Wie ein Widerhaken ganz tief in meinem Gehirn. Ich fand ihn so stark, dass ich ihn als Titel gewählt habe – was leider vom Verlag abgeschmettert wurde, weil einige ihn so verstanden haben, dass es um ein Mädchen geht, dass jemanden für den gemeinsamen Selbstmord sucht.

Wie auch immer. Nach und nach kam der rote Faden. Dann folgten die Charaktere, und dann immer mehr Ideen.

Als dann „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ herauskam, dachte ich, das war es. Ich dachte, die Geschichte würde als Leseprobe sterben. Aber dann kam alles anders.

Zwei Jahre später hatte ich eine Agentin, die mich gefragt hat, ob ich „noch etwas in der Schublade habe“. So kam die Leseprobe wieder ans Licht. Ich habe sie ihr geschickt und sie war so begeistert, dass ich mich habe mitreißen lassen. Ich hatte Angst, dass jeder sagen wird, ich wäre auf einen fahrenden Zug aufgesprungen, hätte mich von TFIOS inspirieren lassen. Aber sie meinte nur: „Wenn du danach gehst, darfst du nie wieder eine Liebesgeschichte schreiben, weil die immer auf denselben Komponenten aufbauen“. Und sie hatte recht. Tessas und Oskars Geschichte ist eine ganz andere. Ich bin froh, dass ich sie erzählt habe. Wenn es nach mir geht, ist sie tragisch-schön und bin sehr dankbar um diesen Augenblick im REWE, mit dem alles angefangen hat.

Was möchtest du der Welt mit „Mein bester letzter Sommer“ mitteilen?

Viele denken, es geht mir um „carpe diem“, aber das tut es nicht, weil das so unrealistisch ist. Die wenigsten leben jeden Tag als wäre es ihr letzter, und das ist gut so, denn sonst hätten wir das blanke Chaos. Was ich sagen will, ist dass das Jetzt entscheidend ist. Nicht in drei Wochen, nicht nächstes Jahr, nicht, wenn ich mal groß bin. Einen Plan zu haben, ist nicht verkehrt, ihn Stück für Stück zu verwirklichen auch nicht, aber währenddessen unzählige Momente verstreichen zu lassen, schon. Glücklich wird man nicht morgen. Man muss versuchen, es jetzt zu sein. Wir wissen nicht, wie lange wir leben. Wir wissen nicht, was kommt. Aber das Heute haben wir. Und man kann jeden Tag etwas tun, das einen glücklich macht oder freut. Das kann man entscheiden. Und das wollte ich mit „Mein bester letzter Sommer“ sagen.

Zurück zu dir, Anne. Bist du das geworden, was du früher werden wolltest?

Ich wusste nie, was ich werden will, also ist es viel besser geworden, als ich dachte.

Welchen Traum würdest du dir gerne erfüllen?

Mit meinem Freund ein Bisschen von der Welt entdecken. Irgendwann eine Familie haben. Noch ganz, ganz, ganz lange schreiben. Und unzählige Erinnerungen sammeln.

Auf welche zwei Dinge könntest du nicht verzichten?

Auf die Menschen, die mir wichtig sind und Genuss.

Was macht dich wirklich und wahrhaftig glücklich?

Ganz verschiedene Dinge. Mein Freund. Meine Familie. Meine Freunde. Aber auch ein tolles Gespräch, oder ein schönes Buchcover, oder eine liebe E-Mail. Gutes Essen. Und Eis. Und schwimmen, und reisen, und träumen, und schreiben, und faul sein, und schlafen … ich habe das große Glück, sehr oft, sehr glücklich zu sein.

Wie sieht dein perfekter Tag aus?

Immer anders. 🙂

 

2 thoughts on “Im Gespräch mit Anne Freytag

  1. Schreibphasen, die sich anfühlen, als würde man durch Sirup schwimmen…

    Großartige Beschreibung. Ich dachte schon, ich wäre allein mit diesem Phänomen. Es beruhigt mich etwas, dass es auch noch andere Autoren da draußen gibt, die durch Sirup schwimmen. Glücklicherweise wird es irgendwann auch wieder flüssiger, auch da weiß man aber leider nicht, wann es passiert!

    Viele Grüße
    Erin

  2. Hallo Erin,
    das Interview mit Anne Freytag hat mir sehr viel Spaß gemacht und offenbar haben ihre Worte nicht nur mich zum Schmunzeln gebracht oder mir Mut gemacht! Danke für dein positives Feedback 🙂
    Lieben Gruß,
    Giv ♥

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